Nur ein Outing oder Bibliothek und Kiez
geschrieben von Arne Tiedemann (4. Dezember 2009)

Ja, auch ich bin ein Bibliothekar, also gesellschaftlich anerkannter Langweiler, Cordhosenträger mit schief zugeknöpftem Hemd, einer Scheißfrisur und meine Brille wird selbst auf dem Schlagermove, dem Kongress des schlechten Geschmacks, niemals getragen werden. Ich bin eben ein verstaubtes Relikt einer Zeit, in der es noch Bücher gab. Lichtscheu, introvertiert und partnerschaftlich im Grunde kaum vermittelbar. Da kann man ja im Grunde gleich die Thermosflasche einpacken, die angespitzten Bleistifte in den Stiftehalter mit der Spitze nach oben legen, jede Tür schön abschließen, nochmals durch Niederdrücken der Türklinke kontrollieren und sich zu Hause in den Keller setzen und abwarten. Sollte man meinen!

Die Geschichte des Bibliothekswesens ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Für die meisten ist eine Bibliothek nichts anderes als sortierte Apathie im Regal. „Das ist irgendwas mit Büchern, oder?” Ja, genau. Der ganze Büchereikram wird in der Rubrik „actionreicher Nervenkitzel” zwar noch vor dem Zählen der Knubbel auf einer Raufasertapete, jedoch erst nach dem Sammeln von Joghurtdeckeln einsortiert, an etwa viermillionster Stelle. Zu Unrecht, wie ich meine!

Zugegeben ist in einer Bibliothek nicht so viel los, wie beispielsweise auf der Hamburger Reeperbahn, aber das ist auch gar nicht gewollt. Von beiden Seiten nicht. Obgleich sowohl auf dem Kiez, als auch in einer Bücherei zeitweilig das selbe Vokabular benutzt wird. Glauben Sie nicht? Nur zwei Exempel hierzu. Während „Nachschlagen” in Bibliotheken eher für das Heraussuchen von Informationen aus Auskunftsmitteln, wie den schon erwähnten Büchern oder auch dem Internet bedeutet, steht es auf dem Kiez für das erneute Eindreschen auf bereits blutende Kontrahenten. Bitte nicht verwechseln!

Weiter. Spricht man von „Leihverkehr”, dann ist damit das Besorgen von Büchern aus einer anderen Bibliothek für den Kunden gemeint. Auf dem Kiez ist dieser Begriff zugegeben weniger gebräuchlich und schon etwas diffiziler, auch wenn es hier ebenfalls ums Besorgen geht. Die Kunden wenden sich zunächst auf der Straße an das Personal in Skianzügen oder hinter Schaufensterscheiben und verhandeln über eine Art Leihgebühr und weiteres Vorgehen. Oder so. Ich weiß das auch gar nicht ganz genau.

Ach, apropos Kiez. Wie wohl jeder weiß, war kein geringerer als Casanova (ja, genau der) ebenfalls Bibliothekar. Wenn das mal nicht ganz neue Perspektiven für uns Katalogknechte aufzeigt. I’m too sexy for my shirt, too sexy for my shirt, so sexy it hurts.


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